Lange Jahre wurde Fieber als Gefahr angesehen, die streng unterdrückt werden sollte. Heute ändert sich diese Haltung. Studien zeigen inzwischen deutlich, dass Fieber eine hoch wirksame Antwort des Körpers ist, um Viren und Bakterien zu bekämpfen.

Die Anthroposophische Medizin begrüßt diese Entwicklung sehr, denn sie hat Fieber schon immer als Reaktion des Körpers verstanden, die zeigt, dass der Körper seine Abwehrkräfte trainiert, um Krankheiten zu überwinden und eine stabilere Gesundheit zu veranlagen. Mehr noch: Heute gibt es wissenschaftlich fundierte Hinweise darauf, dass fieberhafte Erkrankungen das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen langfristig senken können.

Es ist der Anthroposophischen Kinderheilkunde ein großes Anliegen, die Eltern dabei zu unterstützen, Fieber nicht per se als gefährlich zu verstehen. Vielmehr geht es darum, die Eltern so zu stärken, dass sie ihrem Kind zutrauen, einen fieberhaften Infekt so weit es geht aus eigener Kraft zu überwinden.

Was tun bei Fieber?

Der Anthroposophische Kinderarzt Prof. Dr. David Martin beantwortet die wichtigsten Fragen

 

Viele Eltern meinen, dass hohes Fieber für ein Kind gefährlich ist. Was ist da dran?

Prof. Martin: Jedes Kind bekommt ab und an Fieber. Und genauso weit verbreitet ist die Angst davor, dass das Fieber dem Kind schaden könnte. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Fieber ist eine gesunde Reaktion des Körpers. Heute gehen wir davon aus, dass sich ein Kind mit Fieber besser gegen eine Erkrankung schützen kann, da das Fieber die Immunabwehr gegen Bakterien verbessert. Es liegt auch an uns Kinderärzten, den Eltern ihre Ängste zu nehmen (1)(2)(3). Im Übrigen wirken auch Antibiotika bei fieberhaften Temperaturen besser.

Was ist Fieber überhaupt – eine Krankheit?

Prof. Martin: Fieber selbst ist keine Krankheit. Es ist eine Reaktion des Körpers, um Infektionen bzw. die Erreger zu bekämpfen. Dementsprechend sollte es auch nicht unterdrückt werden. Medizinisch wird Fieber als eine Zunahme der Körpertemperatur auf über 38,5 °C definiert. Der Körper erzeugt Fieber, indem er Wärme von der Peripherie zurückzieht, um die Kerntemperatur zu erhöhen. Fieber steigt selten über 41,7 °C. Temperaturen über 42,2 °C (108,0 °F) sind extrem selten.

Kurz und knapp: Muss Fieber gesenkt werden?

Prof. Martin: Nein, in der Regel nicht. Denn inzwischen besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass eine fieberhafte Reaktion des Körpers vorteilhaft für den weiteren Heilungsverlauf ist. Gibt man hingegen so genannte Antipyretika (fiebersenkende Medikamente wie Paracetamol und Ibuprofen), greifen wir in diese natürliche körpereigene Reaktion künstlich ein. Leider werden in der Praxis immer noch (zu) häufig Antipyretika eingesetzt – obwohl es dafür keine sinnvolle Begründung gibt.

Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind Fieber bekommt?

Prof. Martin: Ich rate allen Eltern: Entspannen Sie sich! Versuchen Sie, das Fieber positiv zu sehen, als einen Freund, der unserem Körper hilft, Infektionen zu bekämpfen. Wenn Sie ängstlich sind, ist auch Ihr Kind angespannt und kann schlechter mit dem Fieber umgehen (5). Schließen Sie aus, dass Ihr Kind Symptome hat, mit denen Sie zum Kinderarzt müssen (siehe Frage „Wann müssen Eltern mit ihrem Kind zum Arzt?“). Lassen Sie Ihr Kind nicht alleine. Kerzenlicht, leise Lieder, Geschichten können hilfreich sein – seien Sie einfach da!

Wie sollte man den Temperaturanstieg begleiten?

Prof. Martin: Sie können ihr Kind unterstützen, indem Sie es in der Phase des Temperaturanstiegs warm halten. Ihr Kind benötigt dann  weniger Energie, um das Fieber zu erzeugen und wird weniger Schüttelfrost oder andere Beschwerden haben. Manchmal kann man damit sogar Fieberkrämpfe verhindern. Legen Sie das Kind in ein warmes Bett, decken Sie es gut zu, geben ihm ein gewärmtes Kirschkernkissen und etwas Warmes zu trinken, bis die Hände und Füße warm sind und sich das Kind nicht mehr kalt fühlt. Einige Kinder fühlen sich beim Fieberanstieg sehr unwohl und brauchen viel Trost.

Und wenn das Fieber da ist? Was können Eltern tun?

Prof. Martin: Lassen Sie das Fieber seine Arbeit tun! Denken Sie immer daran: Die Temperatur selbst ist nicht die Gefahr, die potentielle Gefahr ist die zugrundeliegende Krankheit, auf die das Kind mit Fieber reagiert. Sobald Sie und/oder Ihr Arzt sichergestellt haben, dass das Kind nichts Gefährliches hat, können Sie sich darauf konzentrieren, das Kind in aller Ruhe zu begleiten. Und bedenken Sie: Es gibt keine Höchsttemperatur, ab der bei ansonsten gesunden Kindern fiebersenkende Mittel (Antipyretika) gegeben werden müssen (6).

Die meisten Kinder können auch hohe Temperaturen gut wegstecken, wenn sie sich sicher aufgehoben fühlen. Es dauert in der Regel ein bis zwei Stunden, um die „Zieltemperatur“ des Fiebers zu erreichen. Diese Temperatur kann dann einige Stunden anhalten, bevor sie wieder abnimmt. Normalerweise erhöht sich das Fieber am Abend und ist am nächsten Morgen niedriger. Dieser Zyklus des abendlichen Fieberns kann sich mehrere Tage lang wiederholen.

Was tun, wenn es dem Kind schlecht geht?

Prof. Martin: Wenn das Kind unter der Wärme sehr leidet, können Sie versuchen, zum Beispiel dünne Zitronenscheiben auf die Fußsohlen zu legen (4). Oder sie machen die klassischen Wadenwickel: Aber Achtung! Viele Eltern verwenden kalte feuchte Tücher, was für das Kind sehr unangenehm ist. Nehmen Sie lieber feuchte warme Tücher, die durchs Verdampfen ebenfalls sehr schnell Wärme abgeben.

Wenn das Plateau des Fiebers erreicht ist, können Sie kleine Schlucke Flüssigkeit anbieten. Wenn das Kind schwitzt und sich am ganzen Körper, auch an den Füßen, warm anfühlt, können Sie es etwas dünner anziehen oder mit einer leichteren Decke zudecken. Sobald das Fieber etwas nachgelassen hat, wird das Kind mehr trinken wollen (z. B. warme Getränke wie milder Thymian-, Holunderblüten- oder Kamillentee) oder sogar leichte Lebensmittel wie eine dünne Suppe haben möchten.

Wann müssen Eltern einen Arzt aufsuchen?

Prof. Martin: Wie gesagt, Fieber selbst ist nicht gefährlich, aber die zugrundeliegende Krankheit könnte es sein. Es gibt einige Anzeichen, die Sie kennen sollten, um zu entscheiden, ob Sie mit Ihrem Kind zum Arzt müssen:
• Alle Kinder unter 6 Monaten mit Fieber sollten am selben Tag von einem Arzt gesehen werden – es sei denn, die Eltern können ein solides Urteil fällen, dass ihr Kind nicht in Gefahr ist.
• Rufen Sie einen Arzt, wenn Ihr Kind nicht wie sonst reagiert, apathisch ist oder sehr „komisch“ wirkt. Auch wenn es sich nicht trösten lässt, nicht aufhört zu weinen oder wenn Sie sonst ein ungutes Gefühl haben. Rufen Sie auch einen Arzt, wenn Ihr Kind sehr krank oder schlaff wirkt, einen steifen Hals hat oder länger als sechs Stunden nichts trinkt.
• Wenn Sie auf der sicheren Seite sein wollen, rufen Sie einen Arzt, wenn das Fieber länger als zwei Tage andauert und es Ihrem Kind nicht besser geht. Hält das Fieber länger als drei Tage lang an, sollte unter anderem der Urin untersucht werden, um einen Harnwegsinfekt auszuschließen.

Kann es denn auch schaden, das Fieber zu senken?

Prof. Martin: Wenn man das Fieber kontrolliert, also senkt, können dadurch mögliche wichtige Symptome der zugrundeliegenden Krankheiten übersehen oder falsch interpretiert werden. Deshalb kann es sogar schädlich sein, das Fieber zu senken (12).

Wenn man nun doch fiebersenkende Mittel geben möchte – was sollte man beachten?

Prof. Martin: Wenn es trotz der diversen Nachteile ein fiebersenkendes Mittel sein soll, können Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt werden. Für Kinder ist Ibuprofen die bessere Wahl. Nach einem Antipyretikum fühlt sich das Kind vorübergehend vielleicht weniger krank. Nach etwa sechs bis acht Stunden lässt die Wirkung des Medikaments nach: das Fieber steigt wieder und das Allgemeinbefinden verschlechtert sich. Dieses Auf- und Absteigen der Temperatur ist normal, da der natürliche Fieberverlauf unterbrochen wird.

Muss Fieber mit Antibiotika behandelt werden?

Prof. Martin: Nein. Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien angreifen. Fieberhafte Infektionen sind jedoch viel häufiger durch Viren verursacht, so dass Antibiotika in diesem Fall sowieso nicht wirken. Und selbst wenn eine Infektion durch Bakterien verursacht wurde, kann das körpereigene Immunsystem in der Regel auch ohne Antibiotika ganz gut mit ihnen fertig werden – am besten auch ohne den Einsatz von fiebersenkenden Mitteln, da der Körper seine Temperatur ja gerade deswegen erhöht, um die Erreger zu beseitigen.

Wie behandelt man Fieberkrämpfe am besten?

Prof. Martin: Sehr viele Eltern fürchten sich vor Fieberkrämpfen, die in der Praxis allerdings eher selten sind. Nur etwa 5 Prozent aller Kinder zwischen 6 Monaten und 6 Jahren neigen zu Fieberkrämpfen. Ganz vermeiden kann man sie nicht. Denn inzwischen haben verschiedene Studien gezeigt, dass Fieberkrämpfe auch mit fiebersenkenden Mitteln (zum Beispiel Paracetamol und Ibuprofen) nicht zu verhindern sind (7)(8)(9). Zum Glück sind einfache Fieberkrämpfe nicht gefährlich, auch wenn sie natürlich erst einmal sehr erschreckend sein können.

Ab und an hört man, dass man fiebernde Kinder ausziehen soll. Stimmt das?

Prof. Martin: Nein, das ist nicht sinnvoll. Im Fieberanstieg sollte das Kind warm gehalten werden, dann benötigt es weniger Energie, um die Fiebertemperatur zu entwickeln. Es wird sich dann im Gesamtbefinden etwas wohler fühlen. Auch der Tipp, ein fieberndes Kind in die Badewanne zu stecken, ist eher heikel. In der Regel ist das Kind im warmen Bett mit einer anfangs dicken und später leichteren Decke am besten versorgt.

Was ist mit digitalen Medien? Tut es einem fiebernden Kind gut, fernzusehen oder am Computer zu spielen?

Prof. Martin: Das kann man im Selbstversuch am besten testen… Man wird schnell merken, dass es bei Fieber sehr anstrengend ist, sich auf die bewegten Bilder auf einem Bildschirm zu konzentrieren. Die Verarbeitung der 8 – 50 Bilder pro Sekunde ist eine neurosensorische Belastung und nicht gerade das, was das Gehirn eines Kindes braucht, das Fieber hat. Ruhe und liebevolle Zuwendung sind viel eher geeignet, ein Kind beim Fiebern zu unterstützen.

Wo kann man sich über die wissenschaftlichen Hintergründe des Fiebers informieren?

Prof. Martin: Die wichtigsten aktuellen Forschungsergebnisse sind in dieser » Übersicht zusammengefasst. Und auf Facebook gibt es den Account » Warm up to Fever - dort finden Sie Publikationen und Literaturangaben zu den hier gestellten Fragen.

 

Literatur

  1. Ostberg JR, Repasky EA. Emerging evidence indicates that physiologically relevant thermal stress regulates dendritic cell function. Cancer Immunol Immunother CII. März 2006;55(3):292–8.
  2. Hanson DF. Fever, temperature, and the immune response. Ann N Y Acad Sci. 15. März 1997;813:453–64.
  3. Blatteis CM. Endotoxic fever: new concepts of its regulation suggest new approaches to its management. Pharmacol Ther. 2006;111(1):194–223.
  4. Martin DD. Fever: Views in Anthroposophic Medicine and their Scientific Validatidity. Evid Based Complement Alternat Med [Internet]. 2016; Verfügbar unter: https://www.hindawi.com/journals/ecam/2016/3642659/abs/

  5. Sullivan JE, Farrar HC, American Academy of Pediatrics, the Section on Clinical Pharmacology and Therapeutics. Clinical Report--Fever and Antipyretic Use in Children. Pediatrics. 28. Februar 2011;peds.2010-3852.

  6. Mackowiak PA, Boulant JA. Fever’s glass ceiling. Clin Infect Dis. März 1996;22(3):525–36.
  7. El-Radhi AS, Banajeh S. Effect of fever on recurrence rate of febrile convulsions. Arch Dis Child. 1989;64(6):869–870.

  8. El-Radhi A, Barry W. Do antipyretics prevent febrile convulsions? Arch Dis Child. Juli 2003;88(7):641–2.

  9. Strengell T, Uhari M, Tarkka R, Uusimaa J, Alen R, Lautala P, u. a. Antipyretic Agents for Preventing Recurrences of Febrile Seizures: Randomized Controlled Trial. Arch Pediatr Adolesc Med. 1. September 2009;163(9):799–804.

  10. Elemraid MA, Thomas MF, Blain AP, Rushton SP, Spencer DA, Gennery AR, u. a. Risk factors for the development of pleural empyema in children. Pediatr Pulmonol. 2015;50(7):721–726.

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