Interview: "Was ist mit unseren Kindern los?"

Gesprächspartner ist Dr. Christoph Meinecke, niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Herr Dr. Meinecke, Sie sind Kinderarzt und behandeln seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche, die psychische Störungen und Probleme haben und vor allem sehr unruhig sind. Wie erklären Sie sich das?

Dr. Christoph Meinecke: Für diese große Unruhe gibt es vielfältige und inzwischen wissenschaftlich auch gut belegte Gründe. Zum Beispiel erleben wir heute eine ständige Reizüberflutung, vor allem für den Seh- und Hörsinn. Durch die ständige Ablenkung in diesen Bereichen haben die Kinder weniger Möglichkeit, sich in der Selbstwahrnehmung zu üben. Das macht unruhig, nervös und unkonzentriert.

Geht es dabei nur um äußere Reize?

Meinecke: Nein, auch Unruhe im Umfeld wirkt sich negativ aus. Anders formuliert: Nervöse und hektische Eltern haben meist auch unruhige Kinder. Hat eine Familie überhaupt genug Zeit und Raum, Beziehung gestalten zu können? Wenn nicht, entstehen leicht Hektik und Stress. Außerdem sind Kinder heute in ihren sozialen Bindungen zu den Eltern oft verunsichert. Sie sind sich nicht sicher, ob sie von ihren Eltern so, wie sie sind, angenommen und bedingungslos geliebt werden.

Wie kommt das –  wo heute doch viele Eltern sehr stark um das einzelne Kind kreisen?

Meinecke: Ja, es stimmt, in den Familien steht heute häufiger das einzelne Kind im Mittelpunkt. Trotzdem hat sich die so genannte Bindungssicherheit verschlechtert. Die Verantwortung dafür liegt zu großen Teilen bei den Erwachsenen, denen es heute schwerer fällt, die Bedürfnisse des Kindes von ihren eigenen zu trennen. In der Konsequenz heißt das, dass viele Kinder das Gefühl haben, sie müssten elterliche Bedürfnisse erfüllen – gerade weil die Familien kleiner sind und der Fokus stärker auf dem einzelnen Kind liegt. Aber damit übernehmen Kinder zu viel Verantwortung für das seelische Wohlbefinden der Eltern.

Aber nicht aus jeder Bindungsunsicherheit im Kindes- oder Jugendalter entsteht eine manifeste psychische Störung. Wann kippt so etwas?

Meinecke: Das ist individuell natürlich sehr verschieden. Sehr häufig beobachten wir aber, dass Kinder, die Lernstörungen, Ängstlichkeit, Unruhe oder zum Beispiel AD(H)S entwickeln, unter großem Druck stehen. Diesen Krankheitsbildern liegt oft eine generelle Überforderung zugrunde: zu viel, zu früh, zu schnell! Das gilt übrigens auch und gerade für den Medienkonsum. Wenn die Eltern außerdem zu früh zu viel von den Kindern verlangen (Stichwort frühe Einschulung), steckt dahinter oft die Angst, dass die Kinder den Anschluss verlieren könnten. Das fängt heute schon ganz spielerisch an, wenn Säuglinge in Kursen ständig „optimal“ gefördert werden sollen.

Für Eltern ist es ein schmaler Grat, ihr Kind sinnvoll zu fördern und trotzdem nicht zu vielen Reizen auszusetzen. Was können Sie empfehlen?

Meinecke: Jeder Entwicklungsschritt braucht Zeit. Und diese Zeit sollte dem Kind auch tatsächlich gegeben werden. Aber natürlich sollten Kinder nicht in einem reiz-losen Umfeld und ohne Anregungen aufwachsen. Jeder Mensch ist auf die Anregungen von außen angewiesen. Aber eben alles zu seiner Zeit! Gibt es zu viele oder zu starke Reize, kann nichts wirklich vertieft werden. Auch die Neuro-Biologie sagt inzwischen, dass das Gehirn seine Zeit braucht, um sich entwickeln zu können.

Noch einmal zu AD(H)S: Hat dieses Krankheitsbild wirklich so zugenommen? Oder wird es einfach häufiger als früher offiziell diagnostiziert?

Meinecke: Unruhige und zappelige Kinder gab es schon immer. Ebenso wie es die introvertierten, stilleren Menschen gibt, gibt es eben auch die extrovertierteren, die impulsiver sind und stärker nach außen gehen. Trotzdem hat die Symptomatik „Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität, Impulsivität“ deutlich zugenommen. Dabei gibt es sowohl genetische Komponenten als auch psychosoziale Einflüsse.

Gibt es Möglichkeiten, AD(H)S präventiv entgegenzuwirken?

Meinecke: Gegen die genetische Veranlagung kann man zunächst natürlich nichts machen. Und grundsätzlich möchte ich auch betonen, dass die AD(H)S-Kinder ihre ganz besonderen Qualitäten haben: Sie sind sehr spontan, sie sind kreativ, sie können schnell verzeihen und sind sehr an ihren Mitmenschen interessiert. Aber sie haben natürlich oft Probleme, ihre Kraft und ihr Temperament zu zügeln, so dass sie dann als distanzlos, hektisch, sozial übergriffig wahrgenommen werden. Aber damit es nicht soweit kommt, kann man natürlich viel machen, um ein sehr extrovertiertes Kind zu unterstützen: Sinnvolle gemeinsame Aktivitäten stärken die Beziehung und die Lebensfreude, Rituale und Rhythmus bringen Struktur ins Leben und helfen dem Kind, zur Ruhe zu finden.

Wie geht es den Eltern, die mit einem solchen Kind zu Ihnen in die Praxis kommen? Können sie Ihre pädagogischen Empfehlungen annehmen?

Meinecke: Ja, wenn man es sensibel macht, schon. Die Eltern hören ja sowieso von allen Seiten, dass sie schuld sind, dass das Kind so unruhig ist. Für manche ist deshalb die Diagnose „AD(H)S“ auch eine Erlösung, weil sie dann denken, dass es eben nicht an ihnen als Eltern liegt. Wie so oft, liegt die Wahrheit in der Mitte. Man kann diese Kinder sehr gut pädagogisch begleiten. Das sieht die schulmedizinische Psychiatrie übrigens auch genauso. Mit einer guten, stringenten Pädagogik, mit klaren Strukturen, direkter Ansprache, umschriebenen Aufgabenstellungen und guter Beziehungsarbeit können diese Kinder meist auch ohne Medikamente begleitet werden. Um es kurz zu machen: Eine optimale pädagogische Begleitung ersetzt (in den allermeisten Fällen) Ritalin & Co. Es gibt nur wenige Kinder, deren Problematik so stark ist, dass man ihnen Psychopharmaka geben muss. In der Realität müssen wir uns aber auch eingestehen, dass das Umfeld eben oft nicht optimal pädagogisch funktioniert.

Warum nicht?

Meinecke:  Nehmen wir das Beispiel Schule: Die Pädagogen sind oft überfordert. Nicht unbedingt, weil sie so schlecht ausgebildet sind (obwohl es das natürlich auch gibt), sondern weil es natürlich noch längst nicht genügend Sonderpädagogen gibt, um die Lehrer zu unterstützen. Heute haben aber nun mal viel mehr Kinder einen größeren Begleitungsbedarf. Sie sind sich ihrer eigenen Individualität auch sehr bewusst – deshalb wollen sie ja auch stärker wahrgenommen werden. Dieses Bedürfnis, von Erwachsenen gesehen zu werden, hat in den vergangenen Jahren merklich zugenommen. Wenn Sie heute noch mal Astrid Lindgren lesen, dann sehen Sie, dass die Bullerbü-Kinder in ihrer eigenen Welt gelebt haben, die Erwachsenen kommen darin kaum vor. Anerkennung und Wertschätzung haben die Kinder dort untereinander erfahren, nicht im Kontakt mit den Erwachsenen. Das ist heute anders.

Was machen Sie als  Anthroposophischer Kinderarzt anders als die konventionelle Medizin, wenn Sie ein hyperaktives Kind behandeln?

Meinecke: Die Anthroposophische Medizin setzt bei diesen Kindern darauf, die Selbstwahrnehmung zu stärken. Also das Kind dabei zu unterstützen, erst einmal bei sich anzukommen und die eigenen Sinne auszubilden – tasten, sich bewegen, sehen, hören etc. Indem wir diesen Sinnen in der frühen Kindheit Raum geben, kann das Kind in eine gute Beziehung zu seinem eigenen Körper treten. Dieser Ansatz hat sich inzwischen auch in der Schulmedizin durchgesetzt. Kaum mehr ein AD(H)S-Kind ohne Ergotherapie! Auch das bekannte Wort von Rudolf Steiner „Rhythmus trägt Leben“ ist eine wichtige Grundlage für die Begleitung von unruhigen Kindern – und heißt heute ganz konventionell „tagesstrukturierende Maßnahme“. So ist vieles, was die Anthroposophische Kinderheilkunde empfiehlt, heute in der ganz „normalen“ Medizin angekommen und wird erfolgreich umgesetzt.

Welche Perspektiven sehen Sie außerdem für die Therapie?

Meinecke: Neben Verhaltens- und Psychotherapie nutzen wir auch spezifische Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin. Darüber hinaus denke ich, dass wir zum Beispiel noch viel mehr auf äußere Behandlungen wie Massagen, Einreibungen oder Wickel setzen sollten. Denn viele Kinder erfahren dadurch eine Art Hülle, um sich gegen die ständige Reizüberflutung besser abgrenzen zu können. Ich verwende dabei sehr gerne Torf-Öl (ein Moor-Lavendel-Extrakt). Aber auch Öle mit Extrakten von Gold (Aurum), Johanniskraut, Melisse etc. haben sich bewährt. Sie glauben nicht, wie heilsam es sein kann, wenn die Eltern abends bei einem sehr unruhigen Kind ein Öl-Einreibungs-Ritual durchführen – und so Bindung entstehen lassen. Die Kinder kommen zur Nacht besser zur Ruhe. Und können sich seelisch von den Misserfolgen des Tages erholen: ständig ermahnt zu werden, ständig anzuecken, zu nerven – das kostet nicht nur die Eltern viel Kraft, sondern natürlich auch die Kinder selbst.

Was geben Sie den Eltern mit auf den Weg?

Meinecke: Man muss bei diesen Kindern einen langen Atem haben. Wer auf kurzfristige Erfolge setzt, macht nur zusätzlich Druck. Auf der anderen Seite haben viele AD(H)S-Kinder eine sehr gute Prognose, wenn sie ihr Selbstwertgefühl behalten dürfen. Das ist heute vor allem in der Schule oft schwierig, weil die Unruhe dieser Kinder dort natürlich als besonders störend und regelrecht destruktiv empfunden wird. Wir Ärzte müssen deshalb vor allem helfen, dass die Kinder trotz allem ein positives Selbstbild aufbauen und behalten dürfen.

Herr Dr. Meinecke, vielen Dank für dieses Gespräch!

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