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Anthroposophische Medizin vs. Homöopathie?
Berlin, 1. Dezember 2007
Globuli & Co. sind längst in der breiten Bevölkerung angekommen. Während Schul- und Alternativmedizin noch oft um die vermeintliche medizinische Vorherrschaft ringen, sind die Patientinnen und Patienten dazu übergegangen, verschiedene medizinische Ansätze miteinander zu kombinieren. Nicht nur vor diesem Hintergrund ist ein offener und konstruktiver Dialog zwischen Schul- und Komplementärmedizin gefragt. Genau so wichtig ist jedoch auch der Austausch innerhalb der Komplementärmedizin. Kann man die verschiedenen medizinischen Ansätze überhaupt miteinander kombinieren? Widerspricht sich das nicht?
Um zu diesen Fragen miteinander ins Gespräch zu kommen, haben sich die Anthroposophische Medizin und die Homöopathie im November beim Dialogforum "ICE 7: Internationaler Coethener Erfahrungsaustausch" zum erstmaligen gemeinsamen Gedankenaustausch getroffen. Gerade die Unterscheidung zwischen diesen beiden Richtungen fällt Patientinnen und Patienten oft schwer. Denn in der Anthroposophischen Medizin und in der Homöopathie werden teilweise die gleichen Arzneimittel verwendet. Allerdings sind die Konzepte unterschiedlich - und natürlich auch die klinischen Erfahrungen. Dementsprechend wurde der Austausch mit viel Spannung erwartet. Schnell wurde deutlich, dass man in erster Linie voneinander lernen wolle: Die homöopathischen Ärzte hoben als besonders positiv hervor, dass sich die Anthroposophische Medizin offen zu einer spirituellen Dimension bekenne, während sich die Homöopathie davor scheue, eine solche Ebene mit einzubeziehen. Es sei eine Herausforderung für die Homöopathie, auch den weiteren Kontext einer Erkrankung stärker zu gewichten. Auf anthroposophischer Seite zeigte man sich beeindruckt von der "Kunst der genauen Symptombeobachtung", die in der Homöopathie geübt und ausgebildet wird.
Gemeinsamkeiten zeigten sich vor allem, als über die Krankheit als Prozess, der ganzheitlich ablaufe und der in der medizinischen Behandlung individualisiert wahrgenommen werden müsse, diskutiert wurde. Beim Verständnis von Erkranken und Gesunden gibt es jedoch wichtige Unterschiede: Während die Homöopathie unter Krankheit versteht, dass ein Patient bestimmte Symptome hat, erkennt die Anthroposophische Medizin in diesem Punkt mehrere Dimensionen: Eine Krankheit zeigt nicht nur Symptome und messbare Befunde, sondern birgt immer auch die Möglichkeit zur individuellen Entwicklung. Es ist eine Aufgabe für jeden erkrankten Menschen, biografischen Gewinn aus Krankheit und Krankheitsbewältigung zu ziehen. Gleichzeitig fragt die Anthroposophische Medizin danach, welcher Prozess sich in einer Krankheit ausdrückt und welche Färbung das seelische Erleben des Patienten hat. Eingesetzt werden deshalb nicht nur Arzneimittel - und natürlich auch alle nötigen Bestandteile der konventionellen Medizin - sondern auch Künstlerische Therapien, Heileurythmie sowie die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman.
Auch die Wege zur Arzneimittelfindung können durchaus unterschiedlich sein. Wichtige Grundzüge der Homöopathie beziehen sich auf ein genaues Betrachten der Wechselwirkungen zwischen Symptom und Arzneimittel sowie auf das Simile-Prinzip. Nach diesem Prinzip werden Krankheiten durch Arzneistoffe geheilt, die dem Erkrankungsbild ähnlich sind. Hier unterscheidet sich der Ansatz in der Anthroposophischen Medizin: Die Anthroposophische Arzneimittelfindung geht davon aus, dass zwischen dem menschlichen Organismus und bestimmten Naturprozessen eine evolutionäre Verwandtschaft besteht. Vor diesem Hintergrund werden bei der Arzneimittelfindung die spezifischen Heilkräfte aus den Naturreichen herausgearbeitet, um sie auf ein bestimmtes therapeutisches Ziel hin auszurichten und gezielt einzusetzen.
Ein erster Schritt zum weiteren Austausch und zum gegenseitigen Verständnis ist mit dem Dialogforum auf jeden Fall getan. Was folgen soll, brachte eine Teilnehmerin auf den Punkt: "Wir brauchen dringend Fälle und Forschung!", also gemeinsame Fallbesprechungen und komplementärmedizinische Forschungsprojekte.
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 12/2007 der Zeitschrift info3 - Anthroposophie im Dialog zum Schwerpunkt "Anthroposophische Medizin - menschlich, heilsam, kompetent" erschienen. Wir danken für den freundlichen Abdruck.
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