Drei Themen haben wir für Sie in diesem Monat herausgegriffen. Zum einen die Frage: Warum wird es keine interministerielle Arbeitsgruppe zum Thema Armut und Gesundheit geben? Diese stellt sich der Sozialmediziner Gerhard Trabert - und auch wir.
Zum anderen unterstützen wir das Vorhaben, einen Hitzeschutzplan für Deutschland zu erstellen um die Auswirkungen der zunehmenden Hitzeperioden in Deutschland zu bewältigen. Einen nach französischem Vorbild hält Karl Lauterbach für eine gute Idee. Zum Schluss gibt es eine kleine Zusammenfassung vom Hauptstadtkongress der wieder als Plattform für den Austausch in der Branche diente.

Die Meldungen

» Armut und Gesundheit zu wenig beachtet
» Hitzeschutzplan à la Frankreich
» Spannende Themen beim Hauptstadtkongress

Armut und Gesundheit zu wenig beachtet

armutBerlin, 03. Juli 2023. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat dem Sozialmediziner Gerhard Trabert mitgeteilt, dass derzeit keine Pläne zur Einrichtung einer interministeriellen Arbeitsgruppe zum Thema Armut und Gesundheit bestehen.

Bereits seit dem vergangenen Herbst setzt sich Gehard Trabert für die Einrichtung einer solchen ressortübergreifenden Arbeitsgruppe beim BMG ein. Trabert äußerte seine Enttäuschung darüber, dass das BMG diese Arbeitsgruppe nicht als Chance betrachtet und keinen Austausch mit Betroffenen sucht. Er kritisierte auch, dass das BMG den Dialog mit der Nationalen Armutskonferenz ablehnt.

Viele ohne Krankenversicherung

Dass sozial Benachteiligte und von Armut Betroffene häufig deutlich weniger gesund sind und eine geringere Lebensertwartung haben, ist nachgewiesen.
Um es in Zahlen zu verdeutlichen: Nach Angaben des Kinderhilfswerks ist etwa jedes fünfte Kind hierzulande von Armut betroffen und trotz der allgemeinen Krankenversicherungspflicht gibt es in Deutschland viele Menschen, die entweder keinen oder nur unzureichenden Versicherungsschutz haben. Laut dem Statistischen Bundesamt waren Mikrozensus-Daten zufolge im Jahr 2019 etwa 61.000 Personen nicht krankenversichert. Es handelt sich jedoch nur um offizielle Zahlen und die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt: zwischen einer halben und einer Million Menschen könnten in Deutschland keine Krankenversicherung haben. Die Hilfsorganisation » Ärzte der Welt geht von Hunderttausenden Menschen aus, die keinen Zugang zur benötigten medizinischen Versorgung haben.
Eine Arbeitsgruppe, besetzt mit Vertreter:innen aus allen Ministerien, die sich verstärkt für die Belange von Armut betroffenen Menschen einsetzt, wäre ein wichtiger Schritt, um die gesundheitliche Ungleichheit anzugehen.

 

 

Hitzeschutzplan à la Frankreich

Hitzeschutz thermometer PixabayBerlin, 03. Juli 2023. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat angekündigt, einen nationalen Hitzeschutzplan zu entwickeln. Dieser Plan soll in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteur:innen im Gesundheitsbereich erarbeitet werden, darunter Ärzteschaft, Pflegepersonal, Krankenkassen, Kommunen und Bundesländer. Und er soll am französischen Vorbild angepasst werden. Frankreich hatte nach der Hitzewelle im Jahr 2003 erfolgreich einen Hitzeschutzplan eingeführt.

Deutschland nicht gut vorbereitet

Bei der Bundespressekonferenz gestand Lauterbach ein, dass Deutschland nicht gut auf Hitze vorbereitet sei. Andere Länder, insbesondere Frankreich, seien in diesem Bereich viel weiter fortgeschritten und schützen insbesondere ältere Menschen und die städtische Bevölkerung durch nationale Hitzeschutzpläne.
Im vergangenen Sommer erklärte die Bundesregierung noch, dass der Hitzeschutz und die Vorsorge hauptsächlich Aufgaben der Kommunen seien. Nun scheint jedoch die Dringlichkeit in der Regierung angekommen zu sein. Lauterbach erklärte, dass er sich auch bei anderen Ministerien für dieses Thema stark machen wolle.

Frankreich als Vorreiter

Der französische Plan sieht beispielsweise konkrete Warnstufen vor, die die Bevölkerung vor Hitzewellen warnen und Informationen darüber geben, wie sie sich verhalten sollten. Darüber hinaus rufen Sozialdienste in Frankreich bei höheren Warnstufen regelmäßig ältere Menschen an, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und sie an die ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu erinnern.

Es ist erfreulich zu sehen, dass das Thema Hitzeschutz nun verstärkt in den Fokus der Regierung rückt. Angesichts des Klimawandels werden extreme Hitzeperioden in Zukunft häufiger auftreten. Es bleibt zu hoffen, dass der nationale Hitzeschutzplan zeitnah erarbeitet und umgesetzt wird.

 

Spannende Themen beim Hauptstadtkongress

hskBerlin, den 03. Juli 2023. Rund 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen im Juni beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit (HSK) zusammen. Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik, Kliniken, Gesundheitswirtschaft, Ärzteschaft, Pflege, medizinischer Forschung und Kostenträger kamen zusammen, um die drängendsten Herausforderungen im Gesundheitswesen zu diskutieren.
Der Leitkongress der Gesundheitsbranche in Deutschland war vollgepackt mit spannenden Diskussionen, Vorträgen und persönlichen Begegnungen. „Die Diskussionen auf dem Hauptstadtkongress waren in diesem Jahr ausgesprochen intensiv und erfreulich kontrovers“, resümiert Kongresspräsident Prof. Dr. Karl Max Einhäupl. „Es hat mich sehr gefreut, dass trotz unterschiedlicher Perspektiven der Panelteilnehmer immer auch nach gemeinsamen Lösungen gesucht wurde und neue Netzwerke entstanden sind. Denn am Ende geht es um das Wohl unserer Patientinnen und Patienten, das dürfen wir nie vergessen.“

Krankenhausstrukturreform

Die Chancen und Risiken der großen Krankenhausstrukturreform waren auf dem HSK natürlich das Top-Thema. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) gab am ersten Kongresstag eine persönliche Einschätzung ab: „Ein Bundesfinanzminister kann nicht entscheiden, wo welche Versorgung stattfindet. So wird jede Krankenhausinsolvenz zu einem Zufallsprodukt.“

Wie gut ist das deutsche Gesundheitssystem?

Mit der brisanten Frage „Spielt das deutsche Gesundheitssystem weiterhin in der Champions League?“ eröffnete der dritte Kongresstag. DAK-Vorstand Andreas Storm äußerte sich dazu: „Wir sind dort keine relevanten Player mehr, sondern liegen eher auf dem letzten oder vorletzten Platz, vor allem bei dem Thema Digitalisierung.“ Dr. Susanne Johna, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und 1. Vorsitzende im Bundesverband des Marburger Bundes ergänzte: „Wir haben nach wie vor eine gute Gesundheitsversorgung in Deutschland, aber wir haben unbestritten Probleme, vor allem mit dem Datenschutz, zu dem in anderen Ländern viel mehr möglich ist als bei uns.“ Die Probleme würden allerdings durch den Fachkräftemangel, insbesondere in der Pflege, künftig noch zunehmen, so Johna.

Krankenkassenbeiträge

In einer Diskussion kamen Vertreter der großen Krankenkassen zu dem Schluss, dass eine weitere Steigerung der Versicherten-Beiträge keine sinnvolle Vorgehensweise sei, da ausreichend Geld im System sei, dieses aber nicht ausreichend auf Effizienz geprüft werde.

Insgesamt zeigt sich einmal mehr, wie wichtig der Austausch gerade zu kontroversen Themen ist! Welche der diskutierten Ziele wirklich real umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.