Deutscher Bundestag / Journalisten

Gesundheitspolitisch haben zwei Themen – eines bekannt, eines neu – den November dominiert: Das Krisen-Management zu Pandemie und Impfung auf der einen und die rot-grün-gelbe Koalitionsbildung auf der anderen Seite. Und ja, einen neuen Bundesgesundheitsminister gibt es nach einiger Suche auch: Karl Lauterbach (SPD).

Die Meldungen:

» Rot-gelb-grüner Koalitionsvertrag
» Klimakrise & Gesundheit: Mehr Engagement, bitte!
» Pandemie zeigt Defizite in der Prävention
» Musiktherapie mit guten Ergebnissen in der Onkologie

Rot-gelb-grüner Koalitionsvertrag

Ampelkoalition pixabay 2Berlin, 9. Dezember 2021. Auf acht Seiten sind die Pläne zu Pflege und Gesundheit im Koalitionsvertrag zusammengefasst. Die Absätze haben es durchaus in sich. Es soll umfassende Neuerungen in der Pflege, wichtige Initiativen für eine Krankenhausstrukturreform und die Weiterentwicklung der sektorenübergreifenden Versorgung geben. Erstmals entsteht in einem Koalitionsvertrag der Eindruck, dass die Versorgung in Zukunft konsequenter von den Nutzer:innen aus gedacht werden soll.

Nun wird einiges vom neuen Gesundheitsministr Karl Lauterbach (SPD) abhängen, denn er wird die ambitionierten Pläne gemeinsam mit den Regierungsfraktionen umsetzen müssen. Offen bleibt leider, wie die Regelungen gegenfinanziert werden sollen. Substanzielle Vorschläge zur finanziellen Konsolidierung der gesetzlichen Krankenversicherung sucht man vergeblich. Die Spitzenvertreter:innen der gesetzlichen Krankenkassen blicken jedenfalls sorgenvoll in die Zukunft.

Großbaustellen Kliniken und Pflege

Mit einem Bund-Länder-Pakt will die Ampel-Koalition die Krankenhausplanung und -finanzierung reformieren. Eine kurzfristig eingesetzte Regierungskommission soll Empfehlungen vorlegen und Vorschläge machen, die die Erreichbarkeit und die demographische Entwicklung berücksichtigen. Das System der Krankenhausfinanzierung wird nach Versorgungsstufen (Primär-, Grund-, Regel-, Maximalversorgung, Uni-Klinika) differenziert.

Die angespannte Situation in der Pflege soll schnell und spürbar durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen entlastet werden. Für Kliniken und Pflegeheime soll es eine verbindliche Personalbemessung geben. Die Gehaltslücke zwischen Alten- und Krankenpflege soll geschlossen, Zuschläge sollen steuerfrei gezahlt, geteilte Dienste abgeschafft werden. Ebenso wichtig: Die Pflege bekommt (für Maßnahmen, die sie betreffen) ein Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesauschuss.

Endlich sektorenübergreifend ansetzen?

Besonders im Fokus steht auch die sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung. Ein wichtiger Baustein ist, die Vergütung über alle Sektoren (ambulant und stationär) gleich zu gestalten. Die Fallpauschalen (DRGs) sollen weiterentwickelt werden. Für den Ausbau multiprofessioneller, integrierter Gesundheits- und Notfallzentren sind ebenfalls neue Vergütungsstrukturen vorgesehen. Aufgabe der Zentren wird dabei die wohnortnahe ambulante und kurzstationäre Versorgung sein.

Aber auch im ambulanten Bereich werden Krankenkassen und Leistungserbringern mit bevölkerungsbezogenen Versorgungsverträgen in Gesundheitsregionen neue Möglichkeiten eröffnet. In benachteiligten Kommunen oder Stadtteilen wollen die Koalitionäre niedrigschwellige Beratungsangebote wie etwa Gesundheitskioske für die Behandlung und Prävention einrichten.

Mehr Mitbestimmung für Patient:innen

Und last but not least: Die Rechte der Patient:innen sollen gestärkt werden: Die Unabhängige Patientenberatung (UPD) wird in eine dauerhafte, staatsferne und unabhängige Struktur überführt. Bei Behandlungsfehlern werden die Rechte der Patient:innen gestärkt und ein Härtefallfonds nach österreichischem Vorbild eingeführt.

Quelle:

„Der Koalitionsvertrag zum Nachlesen“, zdf.de, 24. November 2021

 

Klimakrise & Gesundheit: Mehr Engagement, bitte!

Klimaschutz medizin pexels webBerlin, 9. Dezember 2021. Keine Sekunde zu früh: „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ war das Schwerpunktthema des 125. Deutschen Ärztetages im November 2021. Immerhin verursacht das Gesundheitswesen in Deutschland mehr als fünf Prozent der co2-Emissionen. Die Delegierten betonten die Dringlichkeit, mit der auch im Gesundheitswesen die Emission von Treibhausgas reduziert werden müsse. Die Ärzteschaft hat beschlossen, hier besondere Verantwortung übernehmen zu wollen, zum Beispiel durch Pilotprojekte. Auch die Ärztekammern selbst wollen klimafreundlich werden.

Appelle und Forderungen

Gleichzeitig wurde an Politik, Länder und Krankenhausträger appelliert, in klimagerechte Strukturen im Gesundheitswesen zu investieren. Konkret wurden entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen, Klimabeauftragte und Klimaschutzpläne in allen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens gefordert. Und noch konkreter: Die ärztlichen Delegierten haben nicht nur ein Tempolimit von maximal 130 km/h auf Autobahnen, sondern auch Tempobegrenzungen in allen bewohnten Regionen gefordert.

Engagement von Havelhöhe hat Vorbild-Charakter

Als Vorbild wurde auf dem Ärztetag das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe genannt, das sich bereits vor einem Jahr das Ziel gesetzt hat, bis 2030 als erste Klinik Deutschlands klimaneutral zu sein.

Im Interview mit dem » Deutschen Ärzteblatt hat Dr. med. Christian Grah als Koordinator für den Transformationsprozess Klimaneutralität in Havelhöhe erklärt, wie das ambitionierte Ziel erreicht werden soll: „Dafür haben wir 14 Tätigkeitsfelder definiert, in denen wir eine co2-Reduktion erreichen wollen: Von der Mobilität über Nahrungsmittel und Einkauf bis zu Medikamenten und Klimasprechstunden.“ Außerdem plane Havelhöhe eine vollständige Umstellung auf einen regenerativen Energiebezug und eine Eigenstromversorgung. Neben den technischen Lösungen sei aber vor allem wichtig: „Nur, wenn jeder die Umstellung verinnerlicht, kann sie auch nachhaltig sein.“

Workshops zu Klimawandel-Themen

Auch die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) hat Neues zu berichten: Die Initiative bietet über ihre Planetary Health Academy für Ärzt:innen in Praxis und Klinik seit November 2021 interaktive CME-zertifizierte Workshops zu verschiedenen Aspekten im Kontext von Planetary Health an. Im Fokus steht auch hier die Idee: Vom Wissen zum transformativen Handeln. Die interaktiven Workshops bieten darüber hinaus die Möglichkeit, sich mit Kolleg:innen auszutauschen und gemeinsame Anknüpfungspunkte zu finden.

Quellen:

„Klimaschutz im Gesundheitswesen: Klimaneutralität bis 2030“, Deutsches Ärzteblatt, 15. November 2021
"Nur, wenn jeder die Umstellung verinnerlicht, kann sie auch nachhaltig sein“, Deutsches Ärzteblatt, 17. November 2021
Deutsche Allianz Klimaschutz und Gesundheit / Planetary Health Academy» Workshops zum Thema nachhaltige Praxis

 

Pandemie zeigt Defizite in der Prävention

Praevention PexelsBerlin, 9. Dezember 2021. Die Gesundheitssysteme der meisten Staaten müssen resilienter werden und sich künftig besser gegen Krisensituationen wappnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue OECD-Studie „Health at a Glance“. Darin werden der Gesundheitsstatus der Bevölkerung und die Qualität der Gesundheitssysteme in den 38 OECD-Ländern sowie Partnerländern verglichen.

Der Fokus der Studie liegt auf den direkten und indirekten Folgen der Coronakrise. Weltweit seien 250 Millionen Coronainfektionen und fünf Millionen Todesfälle durch das Coronavirus registriert worden, wurde bei der Veröffentlichung der Studie berichtet. Weniger als die Hälfte davon entfalle auf die OECD-Staaten. Trotzdem seien auch diese Staaten von einer verringerten Lebenserwartung betroffen – in Deutschland zum Beispiel minus 0,3 Jahre.

Erhöht haben sich durch die Pandemie die Gesundheitsausgaben im OECD-Raum: Während die Wirtschaftstätigkeit einbrach, stiegen die Gesundheitsausgaben. Die Studie zeigte aber auch, dass der Großteil der Gesundheitsausgaben immer noch auf die kurative Versorgung und nicht auf Prävention oder Gesundheitsförderung entfällt.

Prävention stärker an Zielgruppen ausrichten

Die Ärzte Zeitung (9. November 2021 online) berichtet angesichts der Veröffentlichung der Studie, dass Experten wie zum Beispiel Stefan Willich, Epidemiologe und Sozialmediziner an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, eine deutliche Stärkung der Prävention auch und gerade in Pandemiezeiten fordern.

„Wolle man in der Prävention erfolgreich sein, so der Sozialmediziner, müsse man zielgruppenspezifisch, risikobezogen und auf Augenhöhe aufklären. Dafür seien im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) bislang einfach nicht die Kapazitäten vorhanden, obwohl der ÖGD eigentlich das Rückgrat der Präventionsmaßnahmen sein müsse. ‚Ich befürchte, dass die soziale Schere in Deutschland durch die Pandemie und den Lockdown noch weiter aufgegangen ist‘, sagte er“, so die Ärzte Zeitung. Mehr Prävention sei angesichts einer alternden Gesellschaft und der Zunahme chronischer Erkrankungen essenziell für ein starkes Gesundheitswesen.

Quellen:

„Health at a Glance 2021“, Studie der OECD, 9. November 2021
„OECD-Studie: Länder müssen mehr in Prävention investieren“, Deutsches Ärzteblatt, 9. November 2021

 

Kunsttherapie mit guten Ergebnissen in der Onkologie

Metalophon Foto K. NotholtBerlin, 9. Dezember 2021. In der Onkologie wird Musiktherapie eingesetzt, um Krankheitssymptome und Therapienebenwirkungen zu lindern und die psychosoziale Gesamtsituation der Patient:innen zu verbessern. Nun liegt ein neuer Cochrane-Report (Übersichtsstudie) vor, der zu interessanten Ergebnissen kommt:

Die Forscher:innen haben zunächst zwischen Musiktherapie (durch ausgebildete Musiktherapeut:innen erstelltes Konzept) und musikmedizinischen Interventionen (Hören von vorher aufgezeichneter Musik) unterschieden.

Vielfältige Effekte der Musiktherapie

Das Deutsche Ärzteblatt (19. November, online) berichtet: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass musiktherapeutische und musikmedizinische Interventionen eine positive Wirkung auf Angst, Depression, Hoffnung, Schmerzen, Müdigkeit, Herzfrequenz und Blutdruck bei Erwachsenen mit Krebs haben können. Musiktherapeutische, nicht aber musikmedizinische Interventionen, können die Lebensqualität und den Grad der Müdigkeit erwachsener Patienten verbessern.“

Die Autor:innen berichteten, dass die Behandlungseffekte musiktherapeutischer Interventionen in den Studien konsistenter waren als die einfacher musikmedizinischer Interventionen. Unerwünschte Wirkungen der Interventionen wurden nicht gefunden.

Zu anderen Parametern wie körperliche Leistungsfähigkeit, immunologische Funktion oder persönlicher Leidensdruck konnte der Cochrane Report keine Aussagen machen, da entsprechende Studien fehlten.

Der neue Report aktualisiert eine frühere Cochrane-Übersicht aus dem Jahr 2016, die 52 Studien umfasste. Im neuen Report sind 29 weitere Studien dazugekommen, so dass nun 81 Studien mit rund 5.600 Teilnehmer:innen berücksichtigt werden konnten.

Foto: Berufsverband Anthroposophische Kunsttherapie (BVAKT) // K. Notholt

Quellen:

“Music interventions for improving psychological and physical outcomes in people with cancer”, Cochrane Library, 12. Oktober 2021
“Profitieren Krebspatienten von einer Musiktherapie?”, Deutsches Ärzteblatt, 19. November 2021