Wenige Themen im Gesundheitswesen werden so emotional und kontrovers diskutiert wie das Impfen. Auf der einen Seite wettern überzeugte Impfgegner gegen jede Impfung. Auf der anderen Seite wollen viele gegen alles und jedes impfen und fordern eine gesetzliche Impfpflicht. Für differenzierte Argumente ist auf beiden Seiten wenig Platz.

Die Anthroposophische Medizin setzt anders an – und empfiehlt eine sachliche Diskussion um Vor- und Nachteile sowie eine kritisch-konstruktive Betrachtung der offiziellen Impfempfehlungen sowie des Impfzeitpunktes. Eine aktuelle Stellungnahme macht diese Position deutlich:

Schutz ja, Pflicht nein

Die Anthroposophische Medizin nimmt zur Masern-Impfung Stellung

22. Mai 2019

Beratung und Durchführung von Schutzimpfungen haben einen festen Platz in der kinder- und hausärztlichen Praxis von anthroposophischen Ärztinnen und Ärzten. In der allgemein aufgeheizten Debatte wird das allerdings oft nicht wahrgenommen oder anders interpretiert. Deshalb noch einmal in aller Deutlichkeit: Impfungen waren und sind ein wesentliches Instrument in der Prävention von Infektionskrankheiten. Sie haben dazu beigetragen, dass seit dem vergangenen Jahrhundert ungezählte Leben gerettet werden konnten. Die Anthroposophische Medizin würdigt daher ausdrücklich den Beitrag von Impfungen zur weltweiten Gesundheit und unterstützt sie als wichtige Maßnahme zur Vermeidung lebensbedrohlicher Erkrankungen.

Breite Akzeptanz für die Masern-Impfung

Die aktuelle Impfdebatte hat sich am Thema Masern entzündet. Dazu möchte der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) wie folgt Stellung nehmen: Die Masern sind  keine Bagatellerkrankung – auch weil sich ihr Auftreten in problematischere Altersgruppen (Säuglinge, Jugendliche und Erwachsene) verschoben hat. So entscheiden sich die allermeisten Eltern, die von anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte betreut werden, für die Masernimpfung, nachdem sie ergebnisoffen aufgeklärt worden sind. „Die sächsische Impfempfehlung, nach der die erste Masernimpfung nach dem 13. und die zweite Masernimpfung ab dem 46. Lebensmonat erfolgen soll, halten wir für sinnvoll, weil sie einen nachhaltigeren Impfschutz verspricht“, kommentiert Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Vorstandsmitglied im DAMiD.

Es gehört in anthroposophischen Praxen zu den grundlegenden ärztlichen Aufgaben, Eltern und Patienten über die nationalen Impfempfehlungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu Impfungen aufzuklären. Wesentliche Grundlage dieser Beratung ist es, Eltern offen zu informieren und auch kritische Fragen zu beantworten. Die einer Impfentscheidung zugrunde liegende Freiheit ist Grundlage für das Vertrauen von Eltern und Patienten in den Arzt bzw. die Ärztin und die Impfberatung.

Masern-Impfung in sozialer Verantwortung

Heute kommt in der Beratung der anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte noch ein weiterer, zentraler Aspekt hinzu, nämlich die soziale Dimension der Impfentscheidung, die gerade bei hoch ansteckenden Erkrankungen wie den Masern wichtig ist. Eltern und Patienten, die nicht gegen Masern impfen lassen, tragen eine hohe gesellschaftliche Verantwortung. So sind Säuglinge in der Regel heute nicht mehr durch mütterliche Antikörper gegen die Erkrankung geschützt und müssen deshalb aufgrund des erhöhten Komplikationsrisikos vor jedem Kontakt mit der Erkrankung geschützt werden. „Es ist unsere selbstverständliche ärztliche Aufgabe, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen“, so Schmidt-Troschke weiter. „Außerdem leben wir inzwischen in einer globalisierten Welt, in der Infektionskrankheiten leichter als früher in andere Länder übertragen werden, wo Masern noch heute viele Todesopfer fordern. Dementsprechend ist es den anthroposophischen Ärztinnen und Ärzten ein großes Anliegen, über das Krankheitsbild und die soziale Dimension der Impfentscheidung aufzuklären.“

Nein zur Impfpflicht

Vertreterinnen und Vertreter der Anthroposophische Medizin stellen jedoch auch klar: Eine Impfpflicht gegen Masern, die aktuell diskutiert wird, ist nicht die Lösung. Das zeigen auch mehrere Nachbarländer Deutschlands mit Impfpflicht und höheren Masernfallzahlen. Eine Impfpflicht wirkt polarisierend und passt schlecht zu einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung. Sie würde auch hierzulande die problematischen Impflücken bei jungen Erwachsenen nicht schließen. Hier auf mehr Aufklärung und Beratung zu setzen, ist der einzig sinnvolle Schritt. Angesichts der breiten Akzeptanz der Masernimpfung in Deutschland mit einer Quote von 97,1 Prozent (erste Impfung) zum Zeitpunkt der Einschulung, erscheint ein solch drastischer Eingriff in verfassungsmäßig garantierte Grundrechte der Eltern nicht angemessen. Als Maßnahmen, die sich an die gesamte Bevölkerung richten, brauchen Impfungen vor allem Vertrauen in ihre Sinnhaftigkeit und Sicherheit.

So macht sich die Anthroposophische Medizin für eine differenziertere Debatte stark – und schließt sich damit dem Votum des Nationalen Ethikrates vom April 2019 ausdrücklich an.

Schlagwörter