Interview "Mut zum Neubeginn - zur überfälligen Reform der Pflege-Noten"

Gesprächspartner ist Dr. Stefan Ackermann

Herr Ackermann, seit 2009 werden Pflegeeinrichtungen gemäß Pflegetransparenzvereinbarung (kurz PTV) benotet. Sie haben sich in Ihrer Studie "Mut zum Neubeginn" kritisch mit diesem System auseinandergesetzt. Warum ist das Festhalten am bisherigen Notensystem die denkbar schlechteste Lösung?

Dr. Stefan Ackermann: Zum einen wird der Fehler gemacht, Qualität rein quantitativ abbilden zu wollen. Das kann nicht funktionieren. Zum anderen sind nur die Zahlen im Notensystem vergleichbar - wie die Ergebnisqualität in den Einrichtungen vergleichbar sein soll, ist nach wie unklar. Wie will man aber die Unterschiedlichkeit der Menschen und Einrichtungen mit Schulnoten abbilden? Die Antwort bleibt das jetzige System schuldig. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Einrichtungen inzwischen verstanden haben, wie das System funktioniert und ihre Dokumentation mittlerweile so anpassen, dass nun zum Beispiel die Einrichtungen in Baden-Württemberg alle eine Durchschnittsnote von 1,3 haben! Damit wird das erklärte Ziel der PTV, den Verbrauchern durch die unterschiedlichen Noten eine Entscheidungshilfe zu geben, verfehlt.

Was ist bei der Dokumentation noch problematisch?

Ackermann: Beim heutigen Notensystem gilt das Prinzip: Eine gute Dokumentation ergibt eine gute Note. Aber was sagt das über die Qualität der Pflege aus? Leider nichts. Der riesige Aufwand, der für die Dokumentation betrieben werden muss, steht in keinerlei Verhältnis zur Aussagekraft der Ergebnisse. Viele Pflegende sind deswegen völlig frustriert und haben das Gefühl, inzwischen statt Menschen nur noch Akten zu pflegen. Die ohnehin knappe Zeit für die zwischenmenschliche Beziehungspflege, die in der Altenpflege aber das A und O ist, verkürzt sich weiter - was sich natürlich wiederum negativ auf die Lebensqualität der alten Menschen (aber natürlich auch die der Pflegenden) auswirkt.

Sie nennen die (Alten-)Pflege eine "dialogische Beziehungsdienstleistung". Aber gerade diese Beziehungsqualität, die für die Lebensqualität in den Einrichtungen so wichtig ist, wird durch die Noten nicht abgebildet. Warum nicht?

Ackermann: Diese Qualität kann nicht abgebildet werden, weil das jetzige Prüfsystem ausschließlich mit "geschlossenen" (ja/nein) und nicht mit "offenen" Fragen arbeitet. In der Pflege haben wir es jedoch fast immer mit "offenen" Situationen zu tun, weil die Bedürfnisse der Menschen, die durch die Pflege Unterstützung brauchen, so individuell sind und laut Gesetz auch sein sollen. Geschlossene Fragen verlangen allerdings standardisierte Antworten. Die kann es in der Pflege jedoch nicht geben, denn schließlich geht es ja darum, die Würde des Einzelnen zu respektieren. Statt das Besondere der Individualität zu betonen wird vom Individuellen abstrahiert. Deshalb stimmt das gesamte Prüfsystem nicht.

Auch andere wissenschaftliche Begleituntersuchungen zum gegenwärtigen Notensystem sind vernichtend ausgefallen. Was tun?

Ackermann: Obwohl das System aus gutem Grund so umstritten ist, möchte vor allem die Politik an der PTV festhalten - hier geht es um Gesichtsverlust. Natürlich haben auch manche ein Interesse daran, dass nur standardisierte Ergebnisse abgefragt werden und nicht genau in die Einrichtungen geschaut wird. Die Befürworter argumentieren oft, dass es keine Alternative gebe, um die Qualität in Pflegeeinrichtungen abbilden zu können. Meine Studie zeigt aber, dass es sehr wohl Alternativen zum bisherigen Notensystem gibt, die sogar bereits auf Länderebene in Bayern in über 1400 Einrichtungen jährlich angewendet werden.

Die Noten gibt es bereits seit einiger Zeit - warum gerade jetzt die Studie?

Ackermann: Mit der Studie wollten wir Bewegung in die festgefahrene Diskussion bringen. Der Zeitpunkt dafür ist günstig, denn in einigen Wochen soll die Pflegetransparenzvereinbarung von Gremien der Selbstverwaltung (Spitzenverband der GKV und Wohlfahrtsverbände) überarbeitet werden. Man plant, die Noten zu spreizen, um eine stärkere Unterscheidbarkeit herzustellen. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass es dazu nicht kommt, wenn genügend Verbände gegen die PTV stimmen, die ebenfalls festgestellt haben, dass das Notensystem gescheitert ist. Deshalb hat sich mittlerweile - gerade unter den kleineren Pflegeverbänden - eine ernstzunehmende Protestbewegung entwickelt, die entschlossen dafür eintritt, das Notensystem abzuschaffen. 

Das Nikodemus Werk, der Dachverband der Anthroposophischen Altenhilfe, hat diese Studie bei Ihnen in Auftrag gegeben. Warum? Wie sieht die Anthroposophische Perspektive aus?

Ackermann: Die Anthroposophische Perspektive auf die Altenhilfe ist ja per se stark auf die Individualität des Menschen konzentriert. Noten sind stets "ent-individualisiert", weil sie um der Vergleichbarkeit und Selektion willen gewählt werden. Deshalb macht sich die Anthroposophische Altenhilfe für ein System stark, das dazu geeignet ist, die tatsächliche Lebensqualität und Beziehungspflege in den Einrichtungen darzustellen. Um hier wirkliche Alternativen aufzuzeigen, bringt sich das Nikodemus Werk in die Diskussion ein und möchte neue Impulse setzen. Es ist der anthroposophisch orientierten Altenhilfe ein großes Anliegen, einen Paradigmenwechsel in der Qualitätsdebatte um die Pflege anzustoßen: Weg von einem rein naturwissenschaftlichen Modell, das durch Generalisierungen und allgemeine Gesetze vor allem erklären will hin zu einem kulturwissenschaftlichen Ansatz, der das Einzelne und das Einzigartige nicht erklären, sondern in seiner Besonderheit verstehen will. Denn eine neue Kultur des Helfens kann nur durch eine angemessene neue Prüfkultur entstehen! Außerdem hat das Qualitätssiegel, das das Nikodemus Werk für die eigenen Einrichtungen im Dachverband entwickelt hat, Vorbildcharakter dafür, wie sich die individuelle Begleitung der Pflegebedürftigen auch nach außen sichtbar machen lässt.

Als Alternative zum Notensystem stellen Sie ein Konzept vor, das 2009 in Bayern landesweit eingeführt wurde und dem es gelingt, die Ergebnisqualität in der Pflege differenziert darzustellen. Warum wird dieses Konzept nicht bundesweit eingeführt?

Ackermann: In Deutschland haben Noten eben eine ganz eigene Tradition ... Mit diesem defizitorientierten, auf Belohnung und Strafe beruhenden Modell wollte man die Missstände in der Pflege, die vor einigen Jahren publik wurden, schnell und öffentlichkeitswirksam in den Griff bekommen. Leider tragen die hektisch eingeführten Schulnoten aber nicht dazu bei, diese Missstände zu verringern, im Gegenteil, sie erhöhen durch die ausufernde Dokumentationspflicht nur den (Zeit-)Druck im System und verschleiern wirkliches Wahrnehmen.

Zum Abschluss: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten - welchen Zugang wünschen Sie sich zur Altenpflege?

Ackermann: Ich wünsche mir einen Prüfansatz, der respektiert, dass es in der Altenpflege immer um die individuelle Beziehungsqualität geht und der auch das Individuum des Prüfers nicht als "subjektiv" und "unwissenschaftlich" abwertet. Darüberhinaus wünsche ich mir, dass die Menschen, die für die Steuerung der Pflegenoten verantwortlich sind, mal eine Woche in einer Einrichtung verbringen und dort erleben, was das jetzige System an der Basis anrichtet. Das würde, so glaube ich, zu einem viel größeren Respekt gegenüber denjenigen führen, die die Verantwortung für die reale Ergebnisqualität vor Ort tragen. Das haben wir zum Beispiel in Bayern erleben können, als es gelungen ist, die bisherige Gegnerschaft zwischen Prüfern und Prüfenden aufzuheben. Ab dem Moment, ab dem in erster Linie die gemeinsame Idee, nämlich die Verantwortung für die Umsetzung einer menschwürdigen Pflege, in den Mittelpunkt rückte, konnten sich die Akteure auch von ihren bisherigen Rollen lösen und konnten beginnen, gemeinsam zu gestalten. Deshalb heißt unsere Studie auch "Mut zum Neubeginn"!

Herr Dr. Ackermann, vielen Dank für dieses Gespräch!

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