Kleinkind greift nach Laptop / Tablet

Bundesweites Forschungsvorhaben zum kindlichen Medienkonsum ist angelaufen – Kinderärzt:innen empfehlen zurückhaltenden Umgang mit Bildschirmmedien

Berlin, 27. Juni 2022. Smartphones & Co. sind aus dem Kinderzimmer nicht mehr wegzudenken. Aber es gibt auch zunehmend kritische Stimmen. Das neue Studienvorhaben „Bildschirmfrei bis 3“, das von anthroposophisch orientierten Kinderärzt:innen an der Universität Witten/Herdecke angestoßen wurde und in enger Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) durchgeführt wird, nimmt die Folgen der Bildschirmnutzung in der frühen Kindheit wissenschaftlich unter die Lupe. Viele Kinderarztpraxen nehmen bereits Studie bereits teil – weitere können gerne noch einsteigen.

Negative Folgen aufzeigen

Ziel der Studie ist es, junge Eltern besser zu informieren, so dass sie kleine Kinder unter drei Jahren keine digitalen Medien nutzen lassen. Die beiden Kindermediziner:innen und Wissenschaftler:innen Dr. Silke Schwarz und Prof. Dr. David Martin von der Universität Witten/Herdecke stellen fest, dass die übermäßige Nutzung von Medien insbesondere in den ersten Lebensjahren mit zahlreichen negativen gesundheitlichen Auswirkungen verbunden ist. Die Folgen sind zum Beispiel Bindungs- oder Entwicklungsstörungen sowie negative Effekte auf die Sprachentwicklung.

Große Aufklärungskampagne „Bildschirmfrei bis 3“ gestartet

Mit der Interventionsstudie „Bildschirmfrei bis 3“ ist eine Aufklärungskampagne verknüpft, um die Eltern in der Kinderarztpraxis auf gesundheitsgefährdende Folgen des Medienkonsums in der frühen Kindheit aufmerksam zu machen.

Die Studie wird in enger Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) durchgeführt: Eine halbe Million Eltern von Kindern, die ab dem 1. Januar 2022 geboren wurden, bekommen bei der Früherkennungsuntersuchung U5 einen Signalaufkleber, der in das gelbe U-Heft eingeklebt wird. Durch das Mottov „Bildschirmfrei bis 3“ werden die Eltern daran erinnert, ihre Kinder bis zum Alter von 3 Jahren so gut es geht von Bildschirmmedien fernzuhalten.

Jede Stunde freies Spiel ist Gold wert

Gerade diese ersten drei Jahre seien entscheidend, so Dr. Schwarz von der UWH: „Die ersten drei Jahre sind prägend für die Entwicklung. Jede Stunde der ungestörten, spielenden Selbstentwicklung in der Kleinkindzeit ist im wahrsten Sinne Gold wert. Wir haben über zwei Jahre ein möglichst einfaches aber effektives Konzept entwickelt, das die fachliche Autorität eines Kinderarztes mit Signalaufkleber und Webpräsenz verbindet. Die direkte Aufklärungsarbeit steht im Fokus“.

Viele Kinderärzt:innen machen bereits mit

Bis heute machen bereits viele Kinderarztpraxen mit. Konkret bedeutet das, dass die Eltern über die PraxisApp „Mein Kinder- und Jugendarzt“ Fragen zur Nutzung von Bildschirmmedien sowie zur Entwicklung der Kinder beantworten. Erste Ergebnisse werden Anfang nächsten Jahres erwartet. Da die Mitwirkung an der Studie nicht verpflichtend ist, setzen die die Initiator:innen auf die Praxen: „Der begeisterte Zuspruch der Kinderärzt:innen gibt uns Hoffnung, dass viele mitmachen, denn sie müssen nicht mehr tun, als einen prägnanten Satz mit den Eltern reden und dabei den Signalaufkleber in das Gelbe Heft einkleben. Die Ärzt:innen in der Kontrollgruppe müssen gar nichts tun. Eltern können einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit unserer Kinder leisten, indem sie uns anonymisierte Daten zum Medienkonsum zur Verfügung stellen,“ erklärt Prof. David Martin die Bedeutung des Projekts.

Mehr erfahren?

Online finden Eltern Materialien, Hinweise und Tipps zum Umgang mit Bildschirmmedien. Die unterschiedlichen Facetten der Kindesentwicklung wie Spracherwerb, Bindung oder Kreativität werden in Bezug auf den Medienkonsum dargestellt. Außerdem werden kindgerechte Alternativen zu digitalen Medien aufgezeigt: www.bildschirmfrei-bis-3.de

Hintergrundinfos zur Studie

Bei „Bildschirmfrei bis 3“ handelt es sich um eine deutschlandweite, randomisierte Untersuchung der Effektivität einer Intervention beim Umgang mit Bildschirmmedien in der Routineversorgung beim Kinderarzt oder Kinderärztin (Früherkennungsuntersuchungen). Die quantitative Evaluation des Nutzungsverhaltens von digitalen Bildschirmmedien in den Familien und der allgemein frühkindlichen Entwicklung erfolgt mittels Pre-/Post-Befragungen über die App „Mein Kinder- und Jugendarzt“ des BVKJ. Zudem werden multizentrische, qualitative Befragungen des Praxispersonals und teilnehmender Eltern durchgeführt.

Quelle

„Medienkonsum bei Kindern: Viele Eltern unterschätzen die Gefahren“, Pressemitteilung der Universität Witten/Herdecke, 2. Juni 2022

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